Für die Crew des Ausflugsschiffs „MS Havelstern“ in Friedrichshafen begann der Tag wie viele andere. Das Schiff war für eine Rundfahrt auf dem Bodensee eingeplant, doch vor Beginn der Wintersaison stand zunächst ein gründlicher Technik-Check an.
Dabei machten die Mitarbeiter einen Fund, der am Ende eine Musikerfamilie aus Baden-Württemberg mit einem lange vermissten Instrument zusammenbringen sollte: In einem abgelegenen Technikraum stießen sie auf ein altes Akkordeon in einem Holzkoffer – mit einem Metallschild einer bekannten deutschen Instrumentenmanufaktur.
Zufallsfund bei Routinekontrolle
Im Rahmen der jährlichen Wartung wurden wenig genutzte Räume, Stauräume und Schächte des Schiffs überprüft.
„In einer hinteren Ecke stand ein großer, staubiger Koffer. Er sah so aus, als hätte ihn seit Jahren niemand angefasst“, berichtet der technische Leiter der Reederei. „Wir wollten eigentlich nur Platz schaffen und dachten erst an alte Ersatzteile. Als wir den Koffer geöffnet haben, lag darin ein Akkordeon, sorgfältig in Tuch eingeschlagen.“
Trotz Staubschicht machte das Instrument einen erstaunlich guten Eindruck: intakter Balg, stabile Gurte, verchromte Knöpfe. Auf der Innenseite des Instruments war ein kleines Metallschild angebracht – mit dem Namen einer traditionsreichen Akkordeon-Manufaktur aus Süddeutschland und einer Seriennummer.
Verdacht: kein zufälliger Koffer
Da solche Instrumente in der Regel über viele Jahre genutzt und oft innerhalb von Familien weitergegeben werden, wollte die Reederei den Fund nicht einfach im Lager verschwinden lassen. Stattdessen entstand die Idee, nach dem früheren Besitzer zu suchen.
„Uns war klar: So etwas kauft man nicht spontan und vergisst es dann einfach“, sagt der technische Leiter. „Es lag nahe, dass hinter dem Akkordeon eine persönliche Geschichte steckt.“
Die Reederei fotografierte das Instrument, den Koffer und das Fabrikschild und veröffentlichte die Bilder zusammen mit der Seriennummer auf ihren Social-Media-Kanälen – mit einem klaren Hinweis, dass es sich um einen Fund an Bord eines Ausflugsschiffs in Friedrichshafen handelt und man nach Hinweisen auf den Besitzer sucht.
Rückmeldung aus der Region
Nur wenige Tage nach dem öffentlichen Aufruf meldete sich eine Familie aus der Umgebung von Friedrichshafen. In ihrer Nachricht hieß es: „Das Akkordeon auf Ihren Fotos sieht unserem alten Familieninstrument sehr ähnlich.“
Die Familie beschreibt sich selbst als „musikverbunden seit drei Generationen“. Der Großvater habe jahrzehntelang auf Familienfeiern, Dorffesten und kleineren Veranstaltungen Akkordeon gespielt. Das Instrument sei für ihn ein wichtiger Teil des Alltags gewesen.
Nach Angaben der Familie galt das Akkordeon seit Mitte der 1990er-Jahre als verschwunden. Der Großvater hatte damals einen Auftritt auf einem Schiff auf dem Bodensee, in der Nähe von Friedrichshafen. Im Anschluss sei der Koffer im Trubel vermutlich an Bord geblieben. Trotz Nachfragen und eigener Suche sei das Instrument nicht wieder aufgetaucht.
„Wir sind irgendwann davon ausgegangen, dass es verwechselt wurde oder in irgendeinem Lagerraum gelandet ist“, erzählt eine Enkelin. „Dass es tatsächlich jahrzehntelang auf einem Ausflugsschiff in Friedrichshafen gestanden haben könnte, war für uns eher ein Scherz als eine ernsthafte Vermutung.“
Seriennummer und Details sprechen für klare Zuordnung
Um zu prüfen, ob es sich tatsächlich um eben dieses Familieninstrument handelt, ließ die Reederei die Seriennummer durch einen Fachmann für Akkordeons überprüfen. Die Nummer passt zu einem Instrument, das in den 1950er-Jahren von der genannten Manufaktur produziert wurde.
Die Familie legte zusätzlich alte Fotos vor: Darauf ist der Großvater zu sehen, wie er ein Akkordeon spielt, das in Aufbau und Details dem Fund stark ähnelt. Auf einem Bild ist sogar der Holzkoffer zu erkennen – inklusive eines charakteristischen Kratzers an der Ecke.
Bei der gemeinsamen Begutachtung fielen mehrere Übereinstimmungen auf:
- Bauweise und Modelltyp entsprechen den Produktionslisten der Manufaktur.
- Der Kratzer am Koffer befindet sich an der Stelle, die die Familie aus der Erinnerung beschreibt.
- Eine frühere Reparatur am Gurt passt zu den Schilderungen der Angehörigen.
„Absolute Gewissheit wie in einem Labor gibt es bei solchen Fällen selten“, sagt ein Instrumentenbauer, der das Akkordeon im Auftrag der Reederei vorsichtig geprüft hat. „Aber die Kombination aus Seriennummer, Fotos und den individuellen Gebrauchsspuren spricht sehr deutlich dafür, dass dieses Instrument zur genannten Familie gehört.“
Vereinbarte Rückgabe und behutsame Restaurierung
Die Reederei hat sich entschieden, das Akkordeon nach einer schonenden Durchsicht und Basisreinigung der Familie zurückzugeben. Ziel ist es, den Originalzustand so weit wie möglich zu bewahren und nur notwendige Arbeiten zur Erhaltung vorzunehmen.
Geplant ist ein kleines Treffen an Bord der „MS Havelstern“ in Friedrichshafen. Dort soll das Instrument offiziell übergeben werden. Die Familie hat bereits angekündigt, bei dieser Gelegenheit ein kurzes Musikstück zu spielen – sofern der Zustand des Akkordeons es zulässt.
„Für uns ist es etwas Besonderes, dass diese Geschichte an dem Ort weitergeht, an dem das Instrument vor vielen Jahren zuletzt gesehen wurde“, sagt die Enkelin. „Es ist kein spektakulärer Fund im museumsmäßigen Sinn, aber für unsere Familie hat er einen hohen emotionalen Wert.“
Ein Fund mit persönlicher Bedeutung
Für die Mitarbeiter des Ausflugsschiffs bleibt der Vorfall ein Beispiel dafür, welche Geschichten sich manchmal hinter unscheinbaren Gegenständen verbergen können.
Kein Skandal, keine dramatische Entdeckung – aber eine klare, nachvollziehbare Geschichte rund um ein altes Instrument, ein Schiff auf dem Bodensee und eine Familie, die nun ein Stück Erinnerung zurückerhält, das sie lange verloren glaubte.
Und für die Reederei steht fest: Künftig wird man bei Routinekontrollen vielleicht etwas genauer hinschauen, bevor ein staubiger Koffer als „altes Gerümpel“ aussortiert wird.